Predigt Sylvester Neujahr 2025/2026
Predigt Sylvester Neujahr 2025/2026 von Basil Schweri
Am Übergang von einem Jahr ins nächste stehen wir zwischen zwei Zeiten.
Wir lassen einerseits etwas zurück – und wir gehen weiter und schauen nach Vorne.
Vieles ist schön gewesen.
Anderes ist schwer gewesen.
Und einiges tragen wir noch mit uns.
In diese Schwelle hinein hören wir heute einen der ältesten Segenssätze der Bibel:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten
und schenke dir Frieden.
Dieser Segen ist kein frommer Wunsch. Er ist eine Zusage:
Gott schaut auf unser Leben. Und sein Blick ist gut.
Wenn Licht alles verändert
Ich bin vielleicht ein bisschen kitschig,
aber ich liebe Sonnenaufgänge –
und noch mehr Sonnenuntergänge.
Nicht, weil sich die Landschaft verändert.
Sondern weil das Licht sie verändert.
Plötzlich wirkt alles wärmer.
Ruhiger.
Versöhnlicher.
Selbst eine unscheinbare Gegend kann schön plötzlich werden.
Das Licht macht nicht alles neu –
aber es lässt alles in einem anderen Licht erscheinen.
So stelle ich mir diesen Segen vor:
Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten.
Wenn Gott, der die Quelle vom Guten und vom Schönen und von der Liebe ist, sein Angesicht über unser Leben leuchten lässt,
dann verändert sich nicht nur das, was gewesen ist – sondern wie wir darauf schauen.
Im Anfang war das Wort – Sinn bringt Licht
Das Evangelium fängt heute mit einem grossen Satz an:
Im Anfang war das Wort.
Im griechischen Original steht hier für „Wort“ Logos.
Und Logos meint mehr als nur „Wort“.
Logos meint Sinn,
Ordnung,
Zusammenhang.
Johannes sagt damit:
Am Anfang von allem steht nicht das Chaos.
Nicht der Zufall.
Nicht das Unverständliche.
Am Anfang steht Sinn.
Und dieser Sinn ist nicht fern geblieben:
Das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt.
Das bedeutet:
Unser Leben ist nicht einfach eine zufällige Abfolge von Ereignissen.
Auch nicht nur eine Mischung aus Glück und Pech.
Es ist getragen von einem tieferen Sinn –
auch dann, wenn wir ihn nicht sofort erkennen.
Sinn lässt unser Leben in einem anderen Licht erscheinen
Wir kennen das aus unserem eigenen Leben:
Wenn etwas sinnlos erscheint,
wird es schwer.
Dunkel.
Zermürbend.
Wenn wir aber – manchmal erst im Nachhinein –
einen Sinn erkennen oder zumindest darauf vertrauen, dass es einen gibt, dann erscheint das, das wir erlebt haben in einem anderen Licht.
Das Leiden wird nicht gut.
Aber es bekommt einen Platz.
Das Schwierige wird nicht ungeschehen.
Aber es wird eingeordnet.
Der Glaube sagt:
Wir müssen nicht alles verstehen.
Aber wir dürfen darauf vertrauen,
dass unser Leben gehalten ist.
Und dieses Vertrauen bringt Licht.
Rückblick im Licht des Sinns
Es gibt eine kurze Geschichte,
die gut zu diesem Übergang passt.
Zwei Freunde sind unterwegs.
Sie streiten sich.
Der eine verletzt dabei den anderen.
Der Verletzte schreibt es in den Sand.
Später kommen sie in Gefahr.
Und der gleiche Freund rettet ihm das Leben.
Diesmal ritzt er es in einen Stein.
Als man ihn fragt, warum, sagt er:
Das Dunkle darf vom Wind verweht werden.
Das Helle halte ich fest.
Vielleicht ist das ein guter Schlüssel
für den Blick auf das vergangene Jahr.
Nicht alles müssen wir festhalten.
Vieles dürfen wir loslassen –
wie Schrift im Sand.
Und manches darf bleiben –
wie Worte im Stein.
Erinnern, was stärkt – im Glauben und im Leben
So machen wir es auch im Christentum.
Wir schreiben das, was uns stärkt,
nicht in den Sand,
sondern in den Stein.
Darum feiern wir immer wieder die gleichen Feste.
Wir erinnern uns an die Geburt Jesu:
Gott kommt uns nahe.
Wir erinnern uns an Ostern:
Das Leben ist stärker als der Tod.
Diese Feste sind keine blosse Erinnerung an Vergangenes.
Sie sind Quellen von Kraft für heute.
Und so machen wir es auch in unserem persönlichen Leben.
Wir feiern Geburtstage.
Jubiläen.
Momente, die uns geprägt haben.
All das sind Steine,
in die wir das Gute einschreiben,
damit es bleibt.
Eine einfache Frage für den Jahresrückblick
Darum lade ich euch ein,
auf dein vergangenes Jahr so zu schauen:
Was aus diesem Jahr könnte so ein „Stein“ sein?
Woran möchtest du dich auch später
gerne erinnern,
weil es dich stärkt?
Kein grosses Ereignis muss es sein.
Vielleicht ein Mensch.
Ein Moment von Nähe.
Ein Augenblick, in dem Sinn spürbar war.
Diese Erinnerungen helfen,
das Leben stärken und heller zu machen.
In welchem Licht will ich das neue Jahr sehen?
Und dann geht der Blick nach vorne.
Nicht auf alles, was kommen könnte.
Sondern auf das Licht, in dem du das neue Jahr sehen willst.
Denn vieles wird kommen,
das wir nicht planen können.
Aber wir können beeinflussen,
in welchem Licht wir darauf schauen.
Vielleicht ist es ein helles, ruhiges Licht.
Vielleicht ein warmes, freundliches.
Vielleicht ein Licht, das nicht alles sofort bewertet.
Frag dich ganz schlicht:
In welchem Licht möchte ich die kommenden Tage sehen?
In welchem Licht möchte ich mir selbst begegnen?
In welchem Licht möchte ich anderen begegnen?
Das kann ein Wort sein:
Gelassenheit.
Vertrauen.
Freundlichkeit.
Hoffnung.
Zuversicht.
Oder ein kurzer Satz:
Ich schaue wohlwollend.
Ich bleibe bei mir.
Ich gehe Schritt für Schritt.
Diesen Fragen könnt ihr nachher, wenn die Musik spielt nachgehen. Die Predigt will ich mit dem leicht abgeänderten aronitischen Segen, den wir in der Lesung gehört haben, abschliessen.
Segen für den Weg
Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten
– über dem, was war,
über dem, was ist,
und über dem, was kommt.
Und er schenke dir Frieden. AMEN.
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